Abenteuer Freiheit

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Gestern lud die Friedrich Ebert Stiftung Interessierte zu einem »Gespräch über westlichen Werte und ihre Bedrohung durch Populismus und Extremismus« ein. Genau was ich gesucht hatte: Mit etablierten politischen Organisationen über die Gefahr des Populismus diskutieren, mir Klarheit über Positionen verschaffen, Informationen erhalten, mitmachen. Also nahm ich die nicht unwesentlichen Mühen auf mich, an einem Wochentag zur Kinderbetreuungszeit nach Düsseldorf zu fahren.

Ernüchterung schon beim Eintreten. Das Publikum sah schon mal nicht so aus, als würden wir unbedingt die gleichen Werte teilen. Nun ja. Abwarten, dachte ich mir, suchte mir einen Platz und hörte mir den ausschweifenden Begrüßungssermon an. Offenbar sind zwar alle Genossen gleich, aber die Genossen Honoratioren müssen besonders hofiert werden. Svenja Schulze, Ministerin für Wissenschaft, Innovation und Forschung in NRW, sprach persönliche Begrüßungsworte. Sympathisch.

Und dann ging es endlich los. Prof. Dr. Carlo Strenger, ein erfahrener Entertainer im akademischen Metier, referierte aus seinem Buch »Abenteuer Freiheit – Ein Wegweiser für unsichere Zeiten«. Es ging da vor allem um Freiheit. Die individuelle Freiheit und die freiheitlich-demokratische Ordnung. Seine Strategie: Runter vom Sofa. Raus aus dem Elfenbeinturm. Alle müssen sich einsetzen. Demokratie lebt vom Mitmachen. Glück ist kein Grundrecht. Auf zum Kampf für unsere Werte.

Die Revolution lässt auf sich warten

Das ist nun keine neue, revolutionäre Botschaft, aber vielleicht ist es wichtig, das jetzt wieder zu hören, sich bewusst zu machen. »Unsere Werte sind nicht verhandelbar!« Ein schönes Schlagwort. Leider verlor sich Strenger dann im Geschwurbel über Political Correctness.

Professor Dr. Thomas Meyer, der den Gegenpart in der Debatte übernahm, gab sich als Wohlfahrtsstaat-Sozialdemokrat, im Vergleich zu Strenger weniger beweglich, aber gewinnend. Er brachte die Frage von Autonomie (die viele nicht mehr empfinden) und Ressourcen (um die viele fürchten) auf. Leider nur als Problemstellungen, keine Lösungsvorschläge. Stattdessen schweifte das Ganze immer wieder ab, höchst akademisch, zu Kant, zu Heidegger, zu Sarte und den Wandel der Freiheitsbegriffe.

Ich wunderte mich derweil mit Blick auf die Uhr, dass die Debatte nicht fürs Publikum geöffnet wurde. Auf der Bühne ging es inzwischen um die Bedürfnispyramide nach Maslow. Der wichtige Aspekt, dass Menschen sich in ihrem Selbstwertgefühl verletzt fühlen, verunsichert sind und um ihre Sicherheit fürchten, wurde nur angeschnitten, obwohl meiner Meinung nach, hier der Knackpunkt liegt. Hier würde ich ansetzen und fragen, warum ist das so und was kann man da machen?! Und zwar möglichst bevor sich der Wunsch nach einer Heilslehre weiter ausbreitet und eine neue totalitäre Herrschaftsform die westlichen Werte hinwegfegt.

Diskussion – ja oder nein?

Das Publikum war mittlerweile unruhig und setzte unaufgefordert zu Fragen an, forderten die Gewährleistung sozialer Sicherheit, eine überzeugendere Politik, einen selbstkritischen Umgang mit dem Gleichheitsgebot, das die Sozialdemokratie seit den 70ern nicht zu verwirklichen in der Lage ist. Viele Statements, wenige Fragen. Offensichtlich ein Bedürfnis zu diskutieren, für das diese Veranstaltung aber keinen geeigneten Rahmen stellte.

Ich bin nämlich tatsächlich überzeugt, dass die Menschen, zumal diejenigen die dort waren, bereit sind, sich einzusetzen und mitzumachen bei der Demokratie. Viele suchen, vielleicht genau wie ich, einen Ansatzpunkt. Das Problem scheint mir zu sein, dass der Kontakt zu Betroffenen fehlt. Natürlich kann man sich einen Abend lang in den akademischen Zirkus setzen und die großen, erfolgreichen (weißen, alten) Männer reden lassen, aber ändern wird das nichts. Und wenn Strenger die Veranstaltung mit den Worten abschließt: »Wir müssen uns daran gewöhnen, dass nicht alle gewinnen können!« – dann spüre ich den neoliberalen Schlag ins Gesicht. Mit solchen Sprüchen wird man nicht gewinnen, da kann der Genosse Martin sich als Heilbringer inszenieren, soviel er will.


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